Kommen wir zu dem Artikel den ich eigentlich schon von Anfang an schreiben wollte. Denn im selben Zeitraum in dem mir auffiel, dass ich ja eigentlich durchaus ein Ziel im Kopf habe, habe ich auch jemandem in mehreren Sprachnachrichten zusammengefasst was die letzten Monate in der Reha und seitdem so passiert ist. 

Und ich habe eine sehr merkwürdige Angewohnheit: Ich höre mir nahezu alle meine selbst gesprochenen Nachrichten nach dem Abschicken noch mal an. Genauso wie ich halt auch immer kontrolliere was ich geschrieben habe. Zwar kann ich die Sprachnachricht selbst dann nicht mehr korrigieren, aber wenn mir irgendwas total absurdes auffällt, kann ich es ja immer noch ergänzen oder näher erklären.

In diesem Fall ist mir allerdings was ganz anderes aufgefallen. Es hat sich nämlich in den letzten Monaten vieles zurecht geruckelt. Ich dachte tatsächlich, dass ein Großteil der Entspannung auf die Terminlosigkeit durch Corona bestimmt ist. Das mag auch sicher noch so sein, aber der Anteil dürfte ein ganzes Stück kleiner sein... denn da sind eben auch noch andere Dinge passiert. 

1) Zum einen ist da natürlich der großartige Abschlussbericht aus der Reha. Nach wirklich vielen Jahren werde da endlich ich gesehen. Und nicht mein mögliches Potenzial. Sondern das vollständige ICH. Das nicht ganz leistungsfähige. Das mit Druck nicht umgehen kann und viele Dinge nicht so geregelt bekommt wie es "normal" wäre. Das nimmt schon ordentlich Ballast von den Schultern. Immerhin musste da ja auch ein wenig Platz geschaffen werden, damit der Therapeut da sitzen kann um "Sie müssen gar nichts!" zu flüstern. 

2) Kurz nach der Quarantäne bekam ich einen telefonischen Termin von einer mir nicht bekannten Jobcenter Mitarbeiterin zugeschickt. Es war ein sehr angenehmes Telefonat und es ging um ein sehr interessantes Projekt, bei dem es grob gesagt darum geht, das Augenmerk mehr auf die Gesundheit, Ressourcen und Stärken der Klienten zu richten und nicht nur auf deren Vermittelbarkeit. Eine individuell geschnittene Betreuung, die weit über den sonst angebotenen Einheitsbrei hinaus geht. Außerdem ist es freiwillig ! also ohne Sanktionen ! , der Personalschlüssel der Betreuenden sehr viel besser als gewöhnlich und die Anzahl der Termine sind vom Klienten selbst frei wählbar. Man kann jederzeit aufhören. Man kann nach jedem Termin abbrechen. Es klingt wie das perfekte Programm. Nur etwa 10 Jahre zu spät. Dennoch bin ich mit der Frau - die auch all meine Bedenken ernst genommen und verstanden hat - überein gekommen, dass sie mich jetzt Ende Juli / Anfang August erneut anruft und ich mir das einfach mal anschaue. Zu verlieren habe ich nichts und vllt. kann ich von irgendeinem Puzzleteil profitieren. Außerdem informierte sie mich darüber, dass meine bisherige Arbeitsvermittlerin nicht mehr zuständig ist und ich es demnächst mit Frau R. zu tun bekäme. 

3) Mitte Juni hatte ich Post im Briefkasten. "Wie sie bereits wissen gibt Namen-der-beschissenen-Hausverwaltung-einsetzen ihre Tätigkeit auf. Ab dem 01.07. bin ich für sie zuständig. Bitte füllen sie mir diesen Bogen aus und schicken sie ihn mir per Mail zu." Ihr lest richtig. Ich habe eine neue Hausverwaltung! Und nein, ich wusste davon nichts, denn die alte hat natürlich niemanden davon in Kenntnis gesetzt. Es lebt sich gerade sehr viel angstfreier. Auch wenn ich demnächst - aber nicht unbedingt kurz vor der zweiten Welle - mal mit der aktuellen reden muss, weil hier einiges zu klären ist, es ist sehr viel angenehmer. Ich träume nicht mehr davon, dass sich die Ehemalige Zutritt in meine Wohnung verschafft, dass sie mich runterbuttert und für Dinge verantwortlich macht. Schlimmer kann die aktuelle nicht sein (Sie sieht allein schon sehr viel freundlicher aus!). Außerdem hat sie sich innerhalb weniger Stunden für das Einsenden des Bogens per Mail bedankt! Sie hat sich bedankt! Die Ehemalige hätte das einfach als Pflichterfüllung hingenommen. 

4) Anfang Juli kam dann ein erneuter Brief vom Jobcenter. Frau R. die mit mir am Telefon über meine berufliche Zukunft sprechen wollte. Es war ein unfassbar entspanntes Gespräch mit einer sehr sympathischen Frau, der man anmerkte, dass sie wirklich nur helfen möchte. Sie schoss dabei ein wenig mit klassischen Ratschlägen (Positiv denken!) übers Ziel hinaus, aber verstand meine Einwände dagegen auch und wollte in erster Linie einfach tatsächlich wissen wie es mir geht. "Das mit der Arbeitsvermittlung ist erst mal nicht unser Thema.... ich möchte dass es Ihnen besser geht." Ich hab auch angesprochen, dass ich eigentlich plane, mit dem Schreiben der Klinik die "Erwerbsminderungsrente" zu beantragen.  Wir sprechen darüber wie das gegebenenfalls ablaufen würde und abschließend sagt sie. "Von mir haben sie aber erst mal keine Forderungen zu erwarten. Keine Angst vor meinen Briefen. Ich tue Ihnen nichts." Wir verbleiben damit, dass sie im September erneut anruft und fragt wie es mir geht. Einen Antrag werde ich erst mal nicht stellen. Solange das Amt nichts von mir fordert, gibt es keinen Grund dafür. Der Übergang von Hartz 4 zur "Rente" ist nämlich dank einer dummen Regelung mit finanziellen Problemen belastet & mein Hauptgrund "damit ist ein Umzug leichter" fällt Dank der neuen Hausverwaltung vermutlich weg.

Zusammengefasst bedeutet das: Der gesamte von Außen kommende Druck ist (im Moment) nicht mehr existent. Es will niemand etwas von mir. Keiner stellt Forderungen. Ich muss niemandem gerecht werden. Da ist nichts vor dem ich zusätzlich Angst haben muss. Ich kann gerade einfach so vor mich hin leben und versuchen klar zu kommen. Muss im besten Fall nicht umziehen. Kann mich freier im Hausflur bewegen. Habe 2 für mich zuständige Jobcenter-Menschen die tatsächlich daran interessiert sind wie es mir geht und wie sie mir helfen können. Menschen für die ich nicht einfach nur die BG-Nummer bin. 

Außerdem habe ich noch meine Betreuung und wir versuchen auf Grundlage des Klinikberichts und wegen der aktuell sehr schwierigen Ess-Situation eine Erhöhung der Stunden zu beantragen, um gemeinsam zu kochen.
Meine Therapeutin habe ich wie bereits gesagt auch am Samstag nach langer Pause wieder gesehen und sie versteht den Wunsch nach höherer Frequenz und wird versuchen dem jetzt gerecht zu werden. Neue Stunden sind beantragt und da Gruppen im Moment nicht durchgeführt werden können, fällt auch dieser Punkt erst mal weg. Die folgenden Termine werden alle als Videosprechstunden abgehalten, was das drum herum auch deutlich einfacher macht. 

Also insgesamt: Nach vielen Jahren Felsen, Ängsten und miesen Menschen im Weg, passt der Rahmen jetzt. Ich kann tatsächlich "einfach" versuchen für mich einen Weg zu finden mit mir selbst und meiner Wohnung klar zu kommen. Ohne dass da irgendwer eingreift. 

Das ist schon ganz schön gut so.